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Goldene Schussfahrt?

Über Georg und seine Ziele
20.02.1985
Medaille bei den Paralympics 2018

Aus einem Artikel der Sueddeutschen Zeitung
Für einen Augenblick ist Georg Kreiter wieder in Kanada: Er neigt seinen Kopf nach links, dann nach rechts. Seine Augen leuchten. Er lehnt sich aus dem Rollstuhl, streckt seinen rechten Arm, seine rechte Hand presst er flach auf den Tisch. Mit dem linken Arm hält er das Gleichgewicht – klar, er darf ja nicht aus der Kurve fliegen. Kreiter macht gerade vor, wie das geht, Monoskifahren.
„In einer Rechtskurve schiebe ich den rechten Arm nach vorne, um Druck auf den Schnee auszuüben. Mit dem Kopf, dem linken Arm und den Schultern halte ich das Gleichgewicht“, sagt er mit heller Stimme und lacht. Dann greift er zu seiner Gabel und pikst ein Stück rote Paprika auf. Kreiter ist nicht mehr in Kanada, er sitzt in einem Restaurant in Wolfratshausen. Blonde Haare, roter Kapuzenpullover. Vor ihm auf dem Teller: Gnocchi mit Paprika und Pilzen, dazu trinkt er Traubensaft.
Vor ein paar Tagen war der 30-Jährige noch in Kanada, in Panorama, einem Skigebiet 150 Kilometer westlich von Calgary. Was er dort gemacht hat? „Viel Fleisch gegessen“, scherzt der in Thanning lebende Wolfratshauser – deswegen jetzt Gnocchi und Gemüse. Außerdem hat Kreiter in Kanada zwei Weltmeistertitel geholt.
Auf einem Ski, in einer Art Schale sitzend, in beiden Händen Stöcke, an denen ausklappbare Mini-Skier befestigt sind: So jagte er die eisige Piste hinunter. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 110 Kilometern pro Stunde. In fünf Disziplinen hat er an der alpinen Ski-WM für Behinderte teilgenommen. Im Riesenslalom, seiner Paradedisziplin, und in der Superkombination holte er Gold. „Und gleich danach werde ich Bundeskanzler, dachte ich mir.
Monoskifahren ist Kreiters Leidenschaft, die sich, wie er sagt, „zum Lebensinhalt entwickelt hat“. 140 Tage im Jahr widmet er sich seinem Sport. Trainingstage gehören dazu, aber auch Tage, an denen er am Material schraubt: „Zehntausend Euro kostet mich das in einem Jahr.“ Kreiter arbeitet als Mediengestalter im Druckgeschäft seines Vaters. Preisgeld gibt es bei Weltmeisterschaften keines, nur bei den Paralympics. Immerhin: Die Reise nach Kanada und die Unterkunft wurden vom Deutschen Behindertensportverband (DBS) bezahlt.
2002 hatte der damals 17-Jährige einen Motorradunfall. Auf dem Weg zum Fußball krachte er gegen einen Baum. Nach sechs Tagen Koma wachte er in der Unfallklinik auf – querschnittsgelähmt. „Nur mein linker Arm und mein Kopf waren nicht kaputt“, sagt Kreiter. Wenn er davon erzählt, ist er entspannt: „Ich habe ein super Leben, es hätte auch viel schlimmer kommen können.“
Mittlerweile kann er seine Arme bewegen, seine Schultern, seinen Hals und seinen Kopf. Unterhalb seiner Brust kann er nichts bewegen. In der Reha muss er vieles neu lernen: sitzen, anziehen, aufs Klo gehen. Seine Lebensfreude und sein Ehrgeiz treiben ihn an. „Als ich fitter wurde, habe ich mit Rollstuhlbasketball angefangen, das spiele ich heute noch“, erzählt er. Für ihn eine gute Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, die ähnliche Schicksale erlitten haben.
Doch der Hallensport reichte ihm nicht: „Mir hat das Draußen-Sein gefehlt.“ Als er 2006 die Paralympics in Turin vor dem Fernseher verfolgte und sah, wie die Monoskifahrer um die Kurven rasten, entschloss er sich, einen Kurs zu belegen. Zwei Wochen später saß er im Kaunertal das erste Mal auf einem Monoski. „Georg war sehr geschickt: Wir sind schon am zweiten Tag mit dem Sessellift gefahren, das geht bei vielen erst nach zwei Wochen“, erzählt die mehrmalige Paralympics-Gewinnerin Gerda Pamler.
Kreiter nahm an einem Einführungskurs für Skirennlauf teil , arbeitete an Kraft und Koordination, an Ausdauer und an seinem Ski. „Es nahm dann so seinen Lauf“, sagt er. 2009 wurde er bayerischer Meister, 2010 berief ihn Trainer Justus Wolf in die Nationalmannschaft, 2011 bei seiner ersten WM gewann er Mannschaftssilber. Im Hinterkopf hatte er aber ein anderes Ziel: die Paralympics 2014 in Sotschi.
Wenn Kreiter von Russland erzählt, verschwindet sein Lachen, seine Stimme wird leiser, sein Blick ernst. Eine Medaille zu holen, war sein großes Ziel. Doch er kam mit der Piste nicht zurecht, schied in drei von vier Disziplinen aus. In der Abfahrt wurde er Achter. „Das ist immer noch eine Enttäuschung“, sagt Kreiter. Die Paralympics sind noch eine Stufe höher als die WM.“ Auch weil die Medienpräsenz größer ist. „Es wird wahrgenommen, wenn man etwas erreicht hat.“
Kreiter hadert mit dem Schnee in Sotschi, mit den hohen Temperaturen, aber er gibt zu: „Die anderen haben es ja auch hingekriegt.“ Er dachte nach den Paralympics sogar darüber nach, seine Karriere zu beenden: „Wenn ich mich so quäle über den Sommer im Training, dann soll auch das rauskommen, was ich mir vorstelle.“ Doch er machte weiter, weil er nach wie vor Spaß am Monoskifahren hatte. Er bereitete sich auf die WM vor, akribisch, aber nicht mehr so verbissen. „Es war nicht so perfekt wie vor Sotschi, aber es hat geklappt“.
Sein Blick hellt sich wieder auf, dann trinkt Kreiter den letzten Schluck Traubensaft. Er stützt seine Ellbogen auf den Tisch, faltet die Hände und schaut aus dem Fenster. Er lächelt. Woran er denkt? Vielleicht an seine zwei Goldmedaillen. Oder daran, wie er in Südkorea um die eisigen Kurven schliddert. 2018 finden dort die nächsten Paralympics statt.

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